Warum Maasdorf

Ganz einfach: Maasdorf ist für uns ein sehr anschauliches und drastisches Symbol dafür, was in der tierlichen Nahrungsmittelproduktion falsch läuft. Maasdorf steht aber auch stellvertretend für die unzähligen übrigen Betriebe, die Teil der agrarindustriellen Fleischerzeugung sind. Allerdings hat sich seit der letzten Demonstration am 15. März 2015 und den darauffolgenden Medienberichten (u.a. von RTL) im Grunde nichts bewegt. Das muss sich dringend ändern!

Für alle diese Betriebe gilt: die produzierten und produzierenden Tiere sind lediglich Produktionseinheiten, die möglichst wenig Kosten verursachen dürfen, ihren Selbstzweck so schnell und so effektiv wie möglich erfüllen müssen, um dann bei einem Nachlassen der Leistung oder bei Mängeln an der Funktionstüchtigkeit aussortiert und „entsorgt“ zu werden oder im schlimmsten Fall (der leider schon viel zu häufig bei Undercover-Aufnahmen dokumentiert wurde) in ihren eigenen Exkrementen zu „verrecken“.

Ganz bewusst wählen wir hier eine sehr eindeutige und unmissverständliche Sprache. Denn die Missstände müssen deutlich benannt werden. Das Deutsche Tier„nutz“gesetz ist, wie allgemein bekannt, eine Garantie dafür, dass auch noch so unerträgliche, artwidrige und qualvolle Zustände in Massentierhaltungsbetrieben kaum bis gar nicht geahndet oder gar beendet werden können. Der Betreiber von Maasdorf, die JSR Hybrid Deutschland GmbH, konnte nach der Erfüllung von marginalen Auflagen praktisch unbehelligt weiterproduzieren.

Unangemeldete, unabhängige Kontrollen gibt es in Deutschland sowieso nicht. Die Veterinärbehörden sind aktuell darauf angewiesen, dass sie mehr als einmal ein Auge zudrücken, wenn sie gravierende Verfehlungen mitbekommen. Man beißt bekanntlich ja auch nicht die Hand, die einen füttert.

Ganz erstaunlich ist, so nebenbei bemerkt, dass das Agrarmagazin DLZ im Jahr 2013, wie es in einem Bericht eigens betonte, „[…] exklusiv die Möglichkeit hatte, für (den geneigten Leser) einen Blick in das hygienisch streng abgeschirmte Gebäude zu werfen“, sowie unproblematische, öffentlichkeitstaugliche Fotos zu machen. Da stellt sich dem unabhängigen Betrachter schon die Frage, warum dann Jenke von Wilmsdorff (RTL) und Jan Peifer unter den gleichen Schutzmaßnahmen 2015 nicht in das Gebäude durften. Darf einfach nicht öffentlich werden, was man in Wirklichkeit dort vorfinden würde?

Im vergangenen Jahr ist ja bereits ausführlich über den Betrieb berichtet worden. Ehemaliger Vorzeigebetrieb der damaligen DDR, wurde 1969 mit der Unterstützung der Sowjetunion gebaut. Nach wie vor erhält dieser Betrieb Förderungsmittel aus Sachsen-Anhalt und von der Europäischen Kommission dafür, dass er auf 6 Etagen 500 Hybrid-Sauen für die Vermehrungszucht hält. Jährlich werden so zehntausende Ferkel unter industriellen Voraussetzungen, also bei weitem nicht artgerecht, produziert und an Züchter und Mäster weiterverkauft.

Eines ist dabei natürlich klar: Die industrielle Ferkelproduktion kann nur funktionieren, wenn die Betreiber und die Mitarbeiter jeglichen Bezug zu den „Produktionseinheiten“ (in diesem Fall die Schweine) ad acta legen und so billig und effektiv wie möglich wirtschaften. Belege gibt es durch die Undercoveraufnahmen von Jan Peifer dafür genügend. Da sind dann die Kastenstände so klein, dass Verletzungen vorprogrammiert sind. Da werden die Ferkel mit Paddeln geschlagen, damit sie schneller laufen. Vom ständigen Leben der Muttersauen auf Spaltenböden, ohne Tageslicht und ohne echte Beschäftigungsmöglichkeit ganz zu schweigen. Zitat Peifer: „In solchen Anlagen, in denen Tiere nur noch als Produktionseinheiten gesehen werden, deren Zucht-, Milch- und Lebensleistung maximiert werden sollen, geht jeglicher Respekt vor dem einzelnen Tier verloren.“

Da klingt es in den Ohren von Tierschützern wie Hohn, wenn in einem Bericht in „Agrar Heute“ online berichtet wird, „Tierwohl gewinnt auch im Maststall an Bedeutung. In der Bildergalerie finden Sie 10 praktische Tipps für mehr Tierwohl in der Mastschweinehaltung.“ Nun ja, wenn man einem fühlenden, zu Leid und Schmerz fähigen Lebewesen, praktisch alles vorenthält, was sein natürliches Leben ausmacht, ist eine Kette, die in einen Kastenstand reinhängt oder ein Baumstamm in einem Eck der Box subjektiv eine Verbesserung. Aber trotzdem ist man realistisch – aus Sicht des Schweins – betrachtet, von art- und tiergerechter Haltung unendlich weit entfernt.

Soziale Strukturen, Sauberkeit, hohe Intelligenz, das sind Merkmale, die, mittlerweile wissenschaftlich belegt, das Schwein auszeichnen. Tagein, tagaus in den eigenen Exkrementen zu leben, und das mit einer um einiges besseren Riechfähigkeit ausgestattet als Hunde, kann wirklich nur als Tierquälerei bezeichnet werden.

Dabei ist die Produktionsentwicklung in Deutschland noch nicht einmal rückläufig. Lt. Statistischem Bundesamt stieg die heimische Schweinefleischproduktion (wie die aktuellen Schlachtzahlen aus 2015 belegen) um 1,1% Prozent gegenüber dem Vorjahr, demnach wurden 55 Millionen Schweine aus heimischer Produktion geschlachtet. Erschwerend kommt hinzu, dass der Anteil an ökologisch gehaltenen Schweinen in Deutschland aktuell etwa 0,4 % der Gesamtproduktionsmenge ausmacht, also nüchtern betrachtet kaum vorhanden ist.

Fazit: Schweine in Deutschland haben kein Leben, vielmehr vegetieren sie von Geburt an bis zu dem höchstwahrscheinlich erlösenden Ende unter unsäglichen tierquälerischen Bedingungen dahin. Der Verbraucher trifft letztendlich natürlich die Entscheidung an der Kasse. Da es aber praktisch keine ökologische Ware „Schwein“ gibt, kann die Entscheidung nur pro Schnitzel oder contra Schnitzel ausfallen. Für die „armen Schweine“ hat das allemal gravierende Folgen.

Gefragt ist aber die verantwortliche Politik. Sie muss steuern, wie weit die Rechte fühlender Lebewesen für einen kurzen Gaumenkitzel mit Füßen getreten werden dürfen.

Nachdem, was man aus der industriellen Tierhaltung so kennt, ist wahrscheinlich noch nicht mal das Ende der Fahnenstange erreicht. Es gilt das Prinzip: Nicht die Haltungsbedingungen müssen den Tieren angepasst werden, sondern die Tiere den Haltungsbedingungen. Und die Produktivität muss ins Uferlose wachsen. Dabei sind anscheinend der Fantasie kaum Grenzen gesetzt, wie zahlreiche „Zuchterfolge“ belegen. Turbomilchleistung und Turbowachstum (dem die eigenen Knochen nicht mehr standhalten) sind nur zwei Beispiele für Entwicklungen, die das Wohl und die Bedürfnisse der Tiere völlig außer Acht lassen.

Wichtig ist, dass dieses Thema immer und immer wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gelangt, solange, bis der Druck auf die verantwortlichen Politiker zu groß wird. In diesem Sinne geht der Aufruf an alle, für die das Thema Massentierhaltung zum Himmel stinkt: Beteiligt euch, entweder bereits in den 2 Wochen vor der Demo oder dann am 11.06.2016 in Maasdorf. Seid dabei und wehrt Euch mit uns gegen ein agrarindustrielles System, das für die Tiere die Hölle bedeutet. Wir zählen auf Euch!

Weiterführende Links

Recherche des Tierschutzbüros

Bericht zur Demo 2015

DIE WELT zum Schweinehochhaus

Bericht zum Undercover-Einsatz

Bericht auf hallelife.de

Das Jenke-Experiment: Jenke von Wilmsdorff darf nicht ins Schweine-Hochhaus